Ethik, Selbstwert und unser Bild vom Menschen

Jeder Mensch hat eine Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist. Jeder Mensch hat auch eine Vorstellung davon, wie Menschen eigentlich sind und wie sie miteinander umgehen sollten. Gleichzeitig hat jeder Mensch ein Gefühl dafür, wie wertvoll er selbst ist. Diese drei Dinge gehören eng zusammen. Wir können sie Ethik, Selbstwert und Menschenbild nennen.

Ethik bedeutet, dass wir darüber nachdenken, was richtig und was falsch ist. Dabei geht es nicht nur um Regeln. Es geht auch um die Frage, warum wir etwas für richtig halten. Wenn ich einem traurigen Menschen helfe, kann ich das tun, weil mir jemand beigebracht hat, dass man helfen soll. Ich kann aber auch helfen, weil ich glaube, dass dieser Mensch wichtig ist und nicht allein bleiben sollte. Meine Handlung zeigt dann etwas darüber, welchen Wert ich anderen Menschen gebe.

Hier beginnt die Verbindung zum Menschenbild. Das Menschenbild beschreibt unsere grundlegende Vorstellung vom Menschen. Grundlegend bedeutet hier, dass es um eine besonders wichtige Vorstellung geht, auf der viele andere Gedanken aufbauen. Ich kann zum Beispiel glauben, dass jeder Mensch den gleichen Wert hat. Ich kann aber auch glauben, dass manche Menschen mehr wert sind als andere. Solche Gedanken verändern mein Verhalten. Wenn ich glaube, dass jeder Mensch den gleichen Wert hat, muss ich mich fragen, ob ich andere Menschen auch so behandle.

Ein hilfreicher philosophischer Gedanke kommt von Immanuel Kant. Kant war ein deutscher Philosoph. Ein Philosoph ist ein Mensch, der sehr genau über grundlegende Fragen des Lebens nachdenkt. Kant meinte, dass ein Mensch niemals nur wie ein Werkzeug für die Ziele eines anderen Menschen behandelt werden darf. Dahinter steckt ein wichtiger Gedanke. Ein Mensch besitzt einen eigenen Wert. Dieser Wert hängt nicht davon ab, wie viel er arbeitet, wie klug er ist, wie gesund er ist oder wie viel Geld er besitzt.

Diesen Gedanken können wir mit der Psychologie verbinden. Die Psychologie beschäftigt sich damit, wie Menschen fühlen, denken und handeln. Ein wichtiger Teil davon ist der Selbstwert. Selbstwert bedeutet, welchen Wert wir uns selbst geben und wie wir uns selbst erleben.

Ein Mensch mit einem guten Selbstwert kann denken: Ich mache Fehler und bin trotzdem ein wertvoller Mensch. Das bedeutet nicht, dass dieser Mensch sich für besser als andere hält. Ein guter Selbstwert braucht keine Überlegenheit. Überlegenheit bedeutet hier das Gefühl, wichtiger oder besser als andere Menschen zu sein. Ein guter Selbstwert erlaubt etwas anderes. Ich kann meinen eigenen Wert anerkennen, ohne dafür den Wert eines anderen Menschen kleiner machen zu müssen.

Das ist für unser Menschenbild wichtig. Wenn ich gelernt habe, dass mein eigener Wert nicht ständig verdient werden muss, fällt es mir leichter, auch anderen Menschen einen Wert zu geben, den sie nicht erst verdienen müssen. Ein Kind muss dann nicht besonders gute Noten haben, um wertvoll zu sein. Ein alter Mensch verliert seinen Wert nicht, weil er Hilfe braucht. Ein Mensch mit einer Behinderung ist nicht weniger wert, weil manche Dinge anders oder gar nicht möglich sind. Ein arbeitsloser Mensch verliert seinen Wert nicht, weil er gerade keine bezahlte Arbeit hat.

Damit kommen Ethik, Selbstwert und Menschenbild zusammen. Wenn ich glaube, dass jeder Mensch einen eigenen Wert besitzt, entsteht daraus eine ethische Frage. Behandle ich andere Menschen wirklich so? Gleichzeitig muss ich diese Frage auf mich selbst richten. Behandle ich mich selbst wie einen Menschen, der einen eigenen Wert besitzt?

Das ist manchmal schwer. Unser Selbstwert entsteht nicht allein in unserem Kopf. Andere Menschen wirken daran mit. Besonders in der Kindheit lernen wir viel darüber, wie wir uns selbst sehen. Ein Kind, das oft hört, dass seine Gedanken wichtig sind, kann daraus lernen, sich selbst ernst zu nehmen. Ein Kind, das immer wieder hört, dass es nichts richtig macht, kann irgendwann glauben, wirklich wenig wert zu sein. Das kann sogar geschehen, wenn diese Aussage niemals direkt ausgesprochen wird. Auch ständiges Auslachen, Ausgrenzen oder Ignorieren kann diese Botschaft vermitteln.

Psychologisch kann daraus ein inneres Bild entstehen. Psychologisch bedeutet hier, dass etwas mit unserem Denken, Fühlen und Erleben zusammenhängt. Ein Mensch kann zum Beispiel tief in sich den Gedanken tragen: Ich bin nur wertvoll, wenn ich etwas leiste. Dieser Gedanke kann sein ganzes Leben beeinflussen. Vielleicht arbeitet er ständig. Vielleicht hat er große Angst vor Fehlern. Vielleicht schämt er sich, wenn er Hilfe benötigt.

Aus einem solchen Selbstbild kann auch ein bestimmtes Menschenbild entstehen. Wenn ich glaube, meinen eigenen Wert durch Leistung verdienen zu müssen, kann ich anfangen, auch andere Menschen nach ihrer Leistung zu bewerten. Dann erscheint der fleißige Mensch vielleicht wertvoller als der Mensch, der gerade nicht arbeiten kann. Aus einem persönlichen Gefühl wird damit eine Vorstellung darüber, wie Menschen allgemein bewertet werden sollten.

Genau an dieser Stelle wird aus Selbstwert eine Frage der Ethik. Denn unsere inneren Vorstellungen bleiben nicht immer in uns. Sie können beeinflussen, wie wir andere behandeln. Wer gelernt hat, Schwäche an sich selbst zu verachten, kann Schwierigkeiten damit haben, Schwäche bei anderen anzunehmen. Verachten bedeutet, einen Menschen oder eine Eigenschaft für besonders schlecht und minderwertig zu halten. Wer dagegen gelernt hat, dass Fehler zum Menschsein gehören, kann auch mit den Fehlern anderer besser, ja großzügiger umgehen.

Das funktioniert auch in die andere Richtung. Unser Menschenbild kann unseren Selbstwert verändern. Wenn ich glaube, dass nur starke, erfolgreiche und gesunde Menschen wirklich zählen, bekomme ich ein Problem, sobald ich selbst krank werde, Hilfe brauche oder scheitere. Mein eigenes Menschenbild richtet sich dann plötzlich gegen mich. Eine Regel, mit der ich vorher andere Menschen bewertet habe, wird zu einer Regel, mit der ich nun mich selbst bewerte.

Deshalb ist unser Menschenbild niemals nur eine Meinung über andere Menschen. Es ist auch eine mögliche Antwort auf die Frage, wie wir eines Tages selbst behandelt werden wollen. Jeder Mensch kann Hilfe brauchen. Jeder Mensch kann Fehler machen. Jeder Mensch kann krank werden. Jeder Mensch kann etwas verlieren, das ihm wichtig ist. Eine Gesellschaft, die den Wert eines Menschen an Stärke und Leistung bindet, schafft deshalb nicht nur Härte gegenüber anderen. Sie schafft auch Angst. Denn niemand kann sicher sein, immer stark und leistungsfähig zu bleiben.

Ein Menschenbild, das jedem Menschen einen eigenen Wert gibt, kann dagegen Sicherheit schaffen. Damit ist nicht gemeint, dass jedes Verhalten richtig ist. Ein Mensch kann etwas Schlimmes tun und trotzdem ein Mensch bleiben. Wir dürfen seine Tat klar verurteilen. Verurteilen bedeutet hier, eine Handlung deutlich als falsch zu bewerten. Trotzdem müssen wir nicht behaupten, dass dieser Mensch deshalb keinen menschlichen Wert mehr besitzt.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Unsere Ethik bewertet nicht nur Menschen. Gute ethische Gedanken helfen uns vor allem dabei, Handlungen zu prüfen. Ein Mensch kann etwas Falsches tun, ohne dadurch vollständig zu einem schlechten Menschen zu werden. Diese Trennung kann auch für den eigenen Selbstwert wichtig sein. Es ist ein großer Unterschied, ob ich nach einem Fehler denke: Ich habe etwas Falsches getan. Oder ob ich denke: Ich bin falsch.

Der erste Gedanke lässt Veränderung zu. Ich kann mich entschuldigen. Ich kann aus meinem Fehler lernen. Ich kann versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Der zweite Gedanke greift dagegen meinen ganzen Wert als Mensch an. Dadurch können Scham und Angst entstehen. Scham ist das schmerzhafte Gefühl, selbst falsch oder nicht gut genug zu sein.

Auch deshalb braucht ein gesunder Selbstwert Verantwortung. Verantwortung bedeutet, dass ich für mein eigenes Handeln einstehe und die Folgen davon ernst nehme. Ein guter Selbstwert bedeutet nicht: Alles, was ich tue, ist richtig. Er bedeutet vielmehr: Auch wenn ich etwas falsch mache, kann ich den Fehler ansehen, dafür einstehen und mich verändern, ohne meinen ganzen Wert als Mensch zu verlieren.

Damit entsteht ein Kreislauf. Ein Kreislauf bedeutet hier, dass mehrere Dinge immer wieder aufeinander wirken. Mein Menschenbild beeinflusst, nach welchen Regeln ich andere und mich selbst bewerte. Daraus entsteht ein Teil meiner Ethik. Meine Erfahrungen mit diesen Regeln wirken auf meinen Selbstwert. Mein Selbstwert beeinflusst wiederum, wie ich andere Menschen sehe und behandle. Auch die Reaktionen anderer Menschen verändern mein Bild von mir selbst.

Dieser Kreislauf kann gut sein. Er kann aber auch hart werden. Ein Kind erlebt zum Beispeil, dass es nur gelobt wird, wenn es besonders gute Leistungen bringt. Daraus kann der Gedanke entstehen, dass Anerkennung verdient werden muss. Anerkennung bedeutet, dass andere Menschen uns ernst nehmen und uns einen Wert geben. Später kann dieses Kind als erwachsener Mensch dieselbe Regel auf andere anwenden. Menschen, die viel leisten, bekommen Achtung. Menschen, die Hilfe benötigen, werden weniger ernst genommen. Damit wird aus einer frühen Erfahrung langsam ein Menschenbild.

Der Kreislauf kann aber verändert werden. Menschen können ihre eigenen Gedanken prüfen. Und genau hier treffen sich dann Philosophie und Psychologie. Die Philosophie fragt: Welche Vorstellung vom Menschen halte ich für richtig? Die Psychologie fragt: Woher kommt diese Vorstellung und was macht sie mit meinem Denken, Fühlen und Handeln?

Dabei können wir entdecken, dass manche unserer Überzeugungen gar nicht wirklich unsere eigenen sind. Eine Überzeugung ist ein Gedanke, den wir für wahr und wichtig halten. Vielleicht haben wir als Kind gelernt, dass man niemals Schwäche zeigen darf. Vielleicht haben wir gelernt, dass Erfolg wichtiger als Mitgefühl ist. Vielleicht wurde uns beigebracht, dass bestimmte Menschen weniger können und deshalb weniger zählen. Solche Vorstellungen können sehr tief in uns sitzen.

Wir müssen sie trotzdem nicht behalten.

Ein Mensch kann lernen, sich selbst anders zu betrachten. Wenn ich erkenne, dass mein Wert nicht von meiner Leistung abhängt, verändert sich auch mein Selbstwert. Dadurch kann sich auch mein Blick auf andere Menschen verändern. Ich brauche dann keinen Menschen unter mir, damit ich mich groß fühlen kann. Ich darf wertvoll sein und gleichzeitig anerkennen, dass der andere Mensch genauso wertvoll ist.

Darin steckt ein besonders wichtiger Gedanke. Ein sicherer Selbstwert braucht keine Abwertung anderer Menschen. Abwertung bedeutet, einen anderen Menschen kleiner, schlechter oder weniger wichtig zu machen. Wenn ich meinen eigenen Wert nur spüre, wenn jemand anderes unter mir steht, ist mein Selbstwert sehr abhängig. Ich brauche dann ständig einen Vergleich. Sobald jemand klüger, stärker, schöner oder erfolgreicher erscheint, gerät mein Bild von mir selbst in Gefahr.

Ein stabiler Selbstwert funktioniert anders. Stabil bedeutet hier, dass etwas nicht bei jeder kleinen Veränderung zusammenbricht. Ich kann anerkennen, dass ein anderer Mensch etwas besser kann als ich. Trotzdem verliere ich meinen Wert nicht. Ich kann auch anerkennen, dass ich etwas besser kann als ein anderer Mensch. Trotzdem wird dieser Mensch dadurch nicht weniger wert.

Aus diesem Gedanken kann ein Menschenbild der Gleichwertigkeit wachsen. Gleichwertigkeit bedeutet, dass Menschen verschieden sein können und trotzdem den gleichen menschlichen Wert besitzen. Gleichwertigkeit bedeutet deshalb nicht Gleichheit. Menschen sind nicht gleich. Sie haben verschiedene Körper, Fähigkeiten, Erfahrungen, Wünsche und Möglichkeiten. Gerade deshalb ist der Gedanke wichtig, dass Unterschiedlichkeit nichts über den Wert eines Menschen aussagt.

Aus diesem Menschenbild wächst wiederum Ethik. Wenn Menschen gleich wertvoll sind, müssen wir überlegen, welche Folgen das für unser Handeln hat. Dann reicht es nicht, Gleichwertigkeit nur zu behaupten. Wir müssen Menschen auch so behandeln. Unsere Ethik wird damit zur Verbindung zwischen unserem Denken und unserem Tun.

Gleichzeitig wirkt unser Handeln auf uns selbst zurück. Wer andere Menschen mit Respekt behandelt, erlebt sich selbst als jemanden, der Respekt geben kann. Respekt bedeutet, einen Menschen und seine Rechte ernst zu nehmen. Wer Verantwortung übernimmt, erlebt sich als handlungsfähig. Handlungsfähig bedeutet, dass wir erleben, dass unsere Entscheidungen etwas bewirken können. Solche Erfahrungen können den Selbstwert stärken.

Darum sind Ethik, Selbstwert und Menschenbild keine drei getrennten Themen. Sie sind drei Seiten einer großen Frage: Welchen Wert hat ein Mensch?

Die Antwort darauf entscheidet mit darüber, wie wir uns selbst behandeln. Sie entscheidet mit darüber, wie wir andere Menschen behandeln. Und unsere Erfahrungen mit anderen Menschen verändern wiederum unsere Antwort.

Ich denke, genau darin liegt eine der wichtigsten Aufgaben des Menschseins. Wir müssen lernen, unseren eigenen Wert zu erkennen, ohne dafür den Wert anderer Menschen zu verkleinern. Wir müssen lernen, andere Menschen als wertvoll anzusehen, ohne deshalb jedes Verhalten gutzuheißen. Und wir müssen unsere Vorstellungen immer wieder prüfen, weil Erfahrungen, Angst und alte Verletzungen unseren Blick verändern können.

Die Ethik fragt dann nicht nur: Was ist richtig?

Der Selbstwert fragt nicht nur: Bin ich gut genug?

Das Menschenbild fragt nicht nur: Wie sind Menschen?

Zusammen führen diese Fragen zu einer tieferen Frage: Wie möchte ich mit Menschen umgehen, wenn ich glaube, dass auch ich einer von ihnen bin?

Die Antwort darauf zeigt sehr viel über uns. Denn die Würde, die wir anderen Menschen zugestehen, ist immer auch die Würde, die wir für uns selbst möglich machen. Würde bedeutet, dass ein Mensch einen eigenen Wert besitzt und deshalb mit Achtung behandelt werden soll. Wer eine Welt schafft, in der Menschen nur nach Stärke, Nutzen oder Leistung bewertet werden, muss irgendwann damit rechnen, selbst nach diesen Regeln bewertet zu werden. Wer dagegen den Wert eines Menschen nicht von solchen Dingen abhängig macht, schafft damit auch einen Raum für die eigene Schwäche, die eigenen Fehler und die eigene Verletzlichkeit. Verletzlichkeit bedeutet, dass Menschen verletzt werden können und manchmal Schutz oder Hilfe brauchen.

So beeinflussen sich Ethik, Selbstwert und Menschenbild jeden Tag. Oft merken wir es gar nicht. Doch wir können lernen, genauer hinzusehen. Wir können uns fragen, warum wir einen Menschen so beurteilen, wie wir es tun. Wir können prüfen, ob wir bei uns selbst andere Regeln anwenden als bei anderen. Und wir können entdecken, dass ein gesundes Selbstwertgefühl und ein menschliches Menschenbild keine Gegensätze sind. Sie können sich gegenseitig tragen.

Eine gute Ethik beginnt deshalb mit einem einfachen Gedanken: Ich bin ein Mensch unter Menschen. Mein Wert verlangt nicht, dass ein anderer Mensch weniger wert ist. Der Wert des anderen nimmt mir nichts weg. Wenn wir diesen Gedanken wirklich ernst nehmen, verändert er nicht nur unser Bild von anderen. Er verändert auch den Blick auf uns selbst.