Meine Antwort auf Robert1962 @robert1962@friendica.de zu seine Post gegen E-Autos.

Moin Robert,

ich schreibe dir hier in einfacher Sprache, weil es das Mittel meiner Wahl ist, um Missverständnissen vorzubeugen und alle Leser mit einzubeziehen. Verstehe das also bitte nicht als Angriff oder Unterstellung. Ich habe mir deine Argumente und Erfahrungen sehr genau angesehen und diese sehr ernst genommen. Meine Antwort ist respektvoll und wertschätzend.

Deine Kritik ist an vielen Stellen verständlich. Aber sie beweist nicht, dass das E-Auto als Idee gescheitert ist. Sie beweist vor allem, dass Politik, Betreiber und Markt an vielen Stellen zu langsam, zu teuer und zu unübersichtlich waren. Genau das ist der Kern. Wenn Ladesäulen defekt sind, falsch in Apps stehen oder besetzt sind, dann ist nicht das elektrische Fahren das Problem. Dann ist die Lade-Infrastruktur schlecht organisiert. Und dafür tragen vor allem Betreiber, Aufsicht und Politik die Verantwortung. Gleichzeitig sollten wir anerkennen: Die Lage ist heute deutlich besser als noch vor ein paar Jahren. In Deutschland waren am 1. März 2026 laut Bundesnetzagentur 50.449 Schnellladepunkte und 147.935 Normalladepunkte in Betrieb. Ende 2023 waren es erst 19.070 Schnellladepunkte und 93.109 Normalladepunkte. Das Netz ist also stark gewachsen. Zu sagen, es gebe „in allen Belangen“ nur unzureichende Infrastruktur, ist deshalb zu pauschal. Richtig ist: Es gibt große Fortschritte, aber noch immer echte Lücken und Qualitätsprobleme.

Dass du mit kaputten Schnellladesäulen Probleme hattest, kann absolut wahr sein. Das ist kein erfundenes Problem. Auch der ADAC zeigt auf, dass es entlang der Autobahn noch Licht und Schatten gibt. Einige Standorte schneiden gut ab, andere nur ausreichend oder sogar sehr schlecht. Genau deshalb ist es richtig, die Betreiber und die Politik dafür hart zu kritisieren. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass der Verbrenner das bessere System ist. Beim Verbrenner sieht man die alte Tankstellenwelt als „normal“, weil sie über viele Jahrzehnte mit viel Geld, Fläche und klaren Regeln aufgebaut wurde. Das E-Auto musste in sehr kurzer Zeit aufholen. Es ist also fair, Mängel zu benennen. Es ist aber nicht fair, wegen Mängeln im Aufbau ein gescheitertes System zu erklären.: „Also ist der Verbrenner auf Dauer die vernünftige Lösung.“

Auch dein Punkt zu besetzten Säulen ist berechtigt. Zu wenige Ladepunkte an stark genutzten Orten sind ein echtes Problem. Aber auch hier ist die Schlussfolgerung wichtig. Das Problem zeigt nicht, dass Menschen weiter auf Verbrenner angewiesen sein sollen. Es zeigt, dass der Ausbau lange verschleppt wurde. Genau deshalb gibt es das Deutschlandnetz. Der Bund hat rund 900 Standorte mit rund 8.000 neuen Ultra-Schnellladepunkten beauftragt. Dazu kommen weitere Standorte an Autobahnen. Das ist ein Eingeständnis des Staates: Ja, das Angebot war lange nicht gut genug. Verantwortung tragen also nicht die Menschen, die E-Mobilität fordern, sondern die Regierungen und die Firmen, die zu spät und zu langsam gebaut haben.

Beim Preis triffst du einen sehr wunden Punkt. 85 Cent pro Kilowattstunde sind kein normaler, fairer Preis. Der ADAC hat genau solche hohen Ad-hoc-Preise gemessen. Dort wurden bis zu 87 Cent pro Kilowattstunde aufgerufen. Das ist teuer. Sehr teuer. Und ja, in solchen Fällen kann öffentliches Schnellladen wirtschaftlich schlechter sein als Tanken. Aber auch hier muss man sauber bleiben: Das beweist nicht, dass E-Autos generell teurer sind als Benziner. Es beweist, dass das spontane Laden ohne Vertrag oft überteuert ist und Betreiber damit Menschen in eigene Tarife drängen wollen. Zuhause laden ist laut ADAC bequemer und billiger als unterwegs. In seinen Kostenvergleichen rechnet der ADAC für Laden zu Hause mit etwa 35 Cent pro kWh und für fast nur öffentliches Laden mit 60 Cent pro kWh. Das heißt: Das Kostenproblem liegt vor allem beim teuren öffentlichen Schnellladen, nicht beim elektrischen Fahren an sich.

Dass du sagst, selbst ein „Reinkapitalist“ freue sich über solche Preise, ist in der Sache nicht ganz falsch. Die Bundesnetzagentur sagt selbst, dass die Preise an Ladesäulen grundsätzlich frei vom Betreiber festgelegt werden. Sie unterliegen also dem Wettbewerb. Das klingt erst einmal schön, führt aber in der Praxis oft zu Intransparenz, Preissprüngen und örtlicher Marktmacht. Wenn man an einem Ort kaum Ausweichmöglichkeiten hat, ist „Wettbewerb“ oft nur ein Wort. Genau deshalb braucht es strengere Regeln für Transparenz, Vergleichbarkeit und fairen Zugang. Die Verantwortung liegt hier bei Gesetzgebern und Aufsicht, die einen jungen Markt zu locker haben laufen lassen.

Dein Satz über „Verbrennerfreiheit“ und die unzureichende Infrastruktur ist deshalb nur halb richtig. Ja, wer den Verbrenner kritisiert, darf die Schwächen der Lade-Infrastruktur nicht verschweigen. Da hast du recht. Aber umgekehrt gilt auch: Wer wegen schlechter Lade-Infrastruktur am Verbrenner festhält, darf nicht so tun, als sei der Verbrenner deshalb das neutrale, vernünftige oder gar freie System. Der Verbrenner funktioniert heute so bequem, weil er über Jahrzehnte massiv begünstigt wurde. Straßen, Tankstellen, steuerliche Vorteile, Dienstwagenregeln und politische Rücksicht auf Öl und Auto haben ihn groß gemacht. Beim E-Auto sehen viele Menschen jede Unbequemlichkeit sofort. Beim Verbrenner sehen sie die jahrzehntelang gebauten Vorteile als Naturgesetz. Das ist keine echte Neutralität. Das ist Gewohnheit und ein politischer Vorsprung zu lasten einer neuen Infrastruktur. Für die schlechte neue Infrastruktur tragen also nicht diejenigen die Hauptschuld, die Veränderung fordern, sondern diejenigen, die sie zu spät organisiert haben.

Das Beispiel mit Spanien kann man nicht einfach wegwischen. So eine Reise kann belastend gewesen sein. Vor allem früher und auf bestimmten Strecken in Europa war das Laden ungleich verteilt. Genau das sagen auch europäische Stellen: Der Ausbau in Europa läuft ungleichmäßig. Die EU hat mit der AFIR deshalb verbindliche Ziele beschlossen. Entlang des TEN-T-Netzes, also der wichtigsten europäischen Verkehrsachsen, sollen Ladeparks in festem Abstand verfügbar sein. Die EU nennt dafür maximal 60 Kilometer Abstand zwischen geeigneten Ladepunkten auf diesen Strecken. Dass solche Regeln überhaupt nötig waren, zeigt: Ja, die Versorgung war und ist nicht überall gut genug. Aber auch hier ist die richtige Lehre nicht: „E-Auto geht nicht.“ Die richtige Lehre ist: Europa hat zu lange zugelassen, dass Laden ein Flickenteppich bleibt.

Die Formulierung „nur mit Glück und 15 Stunden Ladezeiten“ klingt allerdings sehr nach einem Extremfall, nicht nach dem normalen Stand moderner E-Mobilität. Das kann mit schlechtem Routing, langsamen Säulen, ungünstigem Auto, Ferienverkehr oder Pech zusammenhängen. Aber als allgemeiner Beweis taugt diese eine Geschichte nicht. Einzelne harte Negativ-Erlebnisse sind echt, aber sie ersetzen keine Gesamtschau. Sonst könnte man auch jeden Motorschaden eines Verbrenners nehmen und daraus folgern, Benziner seien unzuverlässig. Das wäre auch nicht sauber. Richtig ist: Solche Geschichten zeigen, wo das System versagt. Falsch ist: Aus einer Tortur wird dann gleich ein Naturgesetz über alle E-Autos gemacht. Die EU und Branchenberichte selbst sprechen nicht von Unmöglichkeit, sondern von ungleichem Ausbau und weiterem Handlungsbedarf.

Bei den vielen Apps sprichst du ebenfalls ein echtes Ärgernis an. Dieses Durcheinander war lange ein großer Fehler. Genau deshalb hat die EU neue Regeln geschaffen. Öffentlich zugängliche Ladepunkte sollen auch ohne Vertrag nutzbar sein. Die AFIR verlangt für das Ad-hoc-Laden einfache Bezahlung und klare Preisangaben. Für Nutzer heißt das: Man soll nicht erst einen komplizierten Vertrag abschließen müssen, nur um Strom zu laden. Alte Infrastruktur durfte teils später umgestellt werden. Deshalb ist das Problem noch nicht überall verschwunden. Aber politisch ist klar: Das App-Chaos war kein Zustand, den man auf Dauer hinnehmen wollte. Wer heute so tut, als sei dieses Chaos einfach der „Preis der E-Mobilität“, verschweigt, dass es politisch längst als Missstand erkannt wurde.

Auch die überraschenden Nutzungsgebühren, die du nennst, sind ein echtes Problem. Solche Zusatzkosten machen das Laden unübersichtlich und unfair. Gerade spontane Nutzer werden damit bestraft. Das widerspricht genau dem, was die neuen europäischen Regeln wollen: Preise sollen angemessen, einfach und eindeutig vergleichbar sein. Wenn also irgendwo erst spät oder versteckt noch Gebühren auftauchen, dann ist das kein Argument gegen das E-Auto. Es ist ein Argument gegen schlechte Betreiberpraxis und gegen zu lasche Kontrolle. Verantwortung tragen hier die Unternehmen, die solche Modelle nutzen, und der Staat, wenn er das nicht streng genug begrenzt.

Der Satz „so lange braucht mir keiner mehr mit einem E-Fahrzeug um die Ecke zu kommen“ ist menschlich nachvollziehbar. Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, reagiert so. Aber als politisches Urteil ist er zu grob. Denn dann wird aus einem berechtigten Ärger schnell ein Freispruch für den Verbrenner. Und genau das ist nicht richtig. Die Mängel der Lade-Infrastruktur sind ein Auftrag zum Ausbau, zu klaren Regeln und zu fairen Preisen. Sie sind kein Persilschein für eine Technik, die weiter von Öl abhängt und deren Bequemlichkeit politisch und wirtschaftlich über Jahrzehnte künstlich abgesichert wurde. Die richtige Antwort auf kaputte Säulen ist also nicht mehr Verbrenner. Die richtige Antwort ist: mehr verlässliche Ladepunkte, bessere Daten in Apps, einfache Kartenzahlung, klare Preise und harte Regeln gegen Abzocke. Genau in diese Richtung gehen die aktuellen Vorgaben von EU und Bund auch, auch wenn das im Alltag leider noch nicht überall angekommen ist.

Unterm Strich möchte ich dir also so antworten: Ja, du beschreibst echte Missstände. Nein, daraus folgt nicht, dass Kritik am Verbrenner falsch oder „undifferenziert“ wäre. Im Gegenteil. Deine Beispiele zeigen vor allem, dass die Infrastruktur zu lange schlecht geplant, zu langsam ausgebaut und zu wenig reguliert wurde. Verantwortung tragen Betreiber, Staat und die Politik der letzten Jahre. Nicht die Menschen, die sagen, dass wir vom Verbrenner wegmüssen. Wer das eine gegen das andere ausspielt, macht es sich zu leicht. Man kann gleichzeitig sagen: Der Verbrenner ist kein Zukunftsmodell. Und man kann ebenso sagen: Die Lade-Infrastruktur wurde viel zu lange stiefmütterlich behandelt. Beides ist wahr.

Mit freundlichen Grüßen

Florian Lancker AKA @SchreibeEinfach

 

+++ Und zum Ende +++

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