Ich glaube, ich habe etwas, das ich für mich „Depression Deluxe“ nenne. Das ist kein Fachwort. Das ist mein eigenes Wort dafür. Es beschreibt ein Gefühl, das immer wiederkommt. Ein Gefühl, das mich leise nach hinten zieht. Weg von Menschen. Weg von Nähe. Weg von allem.
Ich war schon immer jemand, der geht.
Ich gehe, bevor es unangenehm wird.
Ich gehe, bevor ich jemandem zur Last falle.
Ich gehe, bevor ich verletzt werde oder jemanden verletze.
Das klingt vielleicht stark. Ist es aber nicht. Es ist ein Schutz. Aber ein Schutz, der mich am Ende allein lässt.
Als mein bester Freund mir damals geschrieben hat, dass er mit meiner Ex zusammen ist, die ich noch liebte, bin ich gegangen. Einfach gegangen. Ich habe mein Ehrenamt bei den Pfadfindern in Finkenwerder aufgegeben. Ich habe meinen Freundeskreis verlassen. Nicht laut. Nicht mit Streit. Ich bin einfach verschwunden.
Als mein Arzt mir sagte, dass ich Krebs habe. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Und niemand sagen konnte, ob es noch rechtzeitig ist. Da habe ich etwas gemacht, das noch härter war. Ich habe versucht, Menschen von mir wegzustoßen. Mit Absicht. Damit sie mich später nicht vermissen. Damit es ihnen leichter fällt, wenn ich weg bin.
Das ist krank. Aber es ist auch ehrlich.
Ich habe das auch bei Kollegen gemacht. Menschen, die Kontakt halten wollten. Die nett waren. Die ehrlich interessiert waren. Ich habe mich entzogen. Schritt für Schritt. Leise. Wie immer.
Und wenn ich ehrlich bin, war das schon viel früher so. Als Jugendlicher. Als junger Erwachsener. Damals, als ich Dinge gesehen habe, die nicht in Ordnung waren. Missbrauch. Dinge, die hätten aufgeklärt werden müssen. Ich wusste, wenn ich das anspreche, werde ich selbst zum Problem. Also bin ich gegangen. Auch da.
Ich bin immer gegangen.
Ich bin bei Plattformen gegangen.
Ich bin bei Menschen gegangen.
Ich bin bei Gruppen gegangen.
X. Instagram. Facebook. Immer das gleiche Muster. Es passt nicht mehr. Also gehe ich.
Ich bin so oft gegangen, dass ich mich selbst als Wanderer bezeichnen kann.
Und jetzt stehe ich wieder an so einem Punkt.
Ich betreibe seit einiger Zeit mein Projekt „SchreibeEinfach“. Ich mache das, weil ich glaube, dass einfache Sprache wichtig ist. Dass Menschen verstehen müssen, was passiert. Dass Politik, Technik und Gesellschaft erklärt werden müssen.
Und ja, ich bekomme Nachrichten. Viele nette Nachrichten. Menschen bedanken sich. Lehrer schreiben mir. Follower schreiben mir. Sie sagen, dass das wichtig ist. Dass es ihnen hilft.
Aber am Ende zahle ich die Rechnung.
Die Serverkosten laufen weiter.
Die Arbeit wird mehr.
Das Geld wird weniger.
Und dann kommt dieser Gedanke. Ein sehr harter Gedanke.
Wenn etwas keinen Wert hat, warum mache ich es dann?
Ich weiß, das ist nicht ganz fair. Denn Wert ist nicht nur Geld. Aber Geld ist das, was am Ende entscheidet, ob etwas weiter existieren kann. Server laufen nicht von Dankbarkeit.
Und dann ist da noch etwas.
Meine Augen.
Sie werden schlechter.
Nicht langsam. Sondern spürbar.
Ich verliere mein Augenlicht.
Und es gibt nichts, was das aufhält. Kein Medikament. Keine einfache Lösung. Kein „Das wird schon wieder“.
Das bedeutet, dass alles, was ich mache, schwerer wird. Schreiben. Lesen. Arbeiten. Leben.
Und genau in diesem Moment kommt mein altes Muster zurück.
Wenn es schwer wird, gehe ich.
Ich will das nicht. Wirklich nicht. Ich will nicht wieder alle wegschieben. Ich will nicht wieder verschwinden. Ich will nicht wieder der sein, der einfach nicht mehr da ist.
Aber ich merke, wie ich meine Prioritäten neu sortiere.
Ich frage mich, was noch Sinn macht.
Ich frage mich, was ich noch leisten kann.
Ich frage mich, ob ich bleiben soll oder gehen.
Vielleicht bedeutet Depression nicht nur traurig sein. Vielleicht bedeutet sie auch, dass man immer wieder den Ausgang sucht.
Und ich kenne diesen Ausgang sehr gut.
Die Frage ist nur, ob ich dieses Mal stehen bleibe. Oder ob ich wieder gehe.
