Kitas neu denken heißt Kinder ernst nehmen und Fachkräfte endlich so behandeln, als wäre ihre Arbeit uns wichtig

Ich arbeite als HEP in einer Hamburger Kita. HEP heißt Heilerziehungspfleger. Das ist ein Beruf, in dem man Kinder mit Behinderung oder mit besonderem Unterstützungsbedarf im Alltag begleitet. Ich arbeite dort vor allem, aber nicht nur, mit Kindern mit Inklusionsbedarf. Inklusion heißt: Alle Kinder gehören dazu. Nicht später. Nicht vielleicht. Sondern jetzt. Genau deshalb ist die Krise in den Kitas für mich kein Thema dass weit weg ist. Ich sehe sie jeden Tag. Ich sehe sie in Gesichtern von Kindern, die mehr Zeit bräuchten. Ich sehe sie in Eltern, die auf Antworten warten. Ich sehe sie im Team, wenn gute Leute müde werden oder gehen.

Wir reden in Deutschland seit Jahren über Kitaplätze. Das war wichtig. Ein Platz ist nötig. Aber ein Platz allein ist noch keine gute Bildung. Ein Platz kann auch einfach nur ein Platz auf dem Papier sein. Entscheidend ist, was im Alltag passiert. Ob jemand Zeit hat, ein Kind wirklich zu sehen. Ob jemand ein Gespräch zu Ende führen kann. Ob jemand ein Kind beim Sprechenlernen begleitet. Ob jemand bei einer Überforderung ruhig bleibt, weil genug Kolleginnen und Kollegen da sind. Ob ein Kind mit Unterstützungsbedarf nicht nur „mitläuft“, sondern wirklich gefördert wird. Das ist Qualität. Und genau da liegt das Problem. Nach den aktuellen Auswertungen zur Personalausstattung arbeitet nur ein kleiner Teil der Kitas mit einer Besetzung, die den fachlichen Empfehlungen entspricht. Die Auswertung macht auch sichtbar, dass der reale Alltag oft schlechter ist als der offizielle Schlüssel, weil Ausfallzeiten und indirekte Arbeit die Zeit mit den Kindern verringern.

Das ist ein wichtiger Punkt, den viele außerhalb der Kitas nicht sehen. Auf dem Papier kann eine Kita noch irgendwie „versorgt“ wirken. Im echten Leben fehlen aber Menschen. Eine Kollegin ist krank. Jemand ist auf Fortbildung. Jemand macht ein Elterngespräch, die Entwicklungsdokumentation oder die Förderplanung. Das ist alles Arbeit, die sein muss. Aber in dieser Zeit ist diese Person nicht in der Gruppe. Dann wird aus einem scheinbar erträglichen Schlüssel schnell ein Alltag im Krisenmodus. Der neue Blick auf die Personalausstattung ist deshalb so wichtig, weil er näher an der Wirklichkeit ist und nicht nur an den Verwaltungszahlen.

Und genau hier liegt die Chance. Nicht die Chance, den Mangel schönzureden. Sondern die Chance, endlich ehrlich zu steuern. Wenn wir genauer sehen, wo der Druck besonders hoch ist, können wir gezielter handeln. Dann kann die Politik nicht mehr so tun, als wäre überall das gleiche Problem mit der gleichen Lösung. Manche Regionen haben sinkende Kinderzahlen. Andere Regionen wachsen. Manche Einrichtungen tragen besonders viel soziale Last. Andere weniger. Manche haben viele Kinder, die mehrsprachig aufwachsen. Mehrsprachig heißt: Kinder lernen mehr als eine Sprache. Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Aber es braucht Zeit, Wissen und passende Förderung, damit daraus gute Bildung wird. In den OECD-Daten sieht man, dass Fachkräfte in Deutschland gerade bei Kindern mit anderer Familiensprache und bei Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf häufig einen hohen Fortbildungsbedarf angeben. Gleichzeitig berichten viele Beschäftigte von Stress. Das ist kein Vorwurf an die Fachkräfte. Das ist ein Warnsignal an die Politik.

Wenn ich aus meinem Arbeitsalltag berichte, dann heißt Fachkräftemangel nicht nur „wir sind zu wenige“. Es heißt auch: Ich muss ständig entscheiden, was heute liegen bleibt. Das ist eine harte Wahrheit. Dann ist nicht die Frage, was pädagogisch ideal wäre, sondern was gerade noch irgendwie sicher geht. Dann wird die Beziehungspflege kürzer. die Beobachtung wird hektischer. Gespräche mit Eltern werden verschoben. Förderimpulse für einzelne Kinder fallen aus. Inklusion wird anstrengender, obwohl sie eigentlich gut gemacht für alle Kinder ein Gewinn ist. Das trifft die Kinder mit höherem Bedarf zuerst, aber am Ende trifft es die ganze Gruppe. Denn gute inklusive Pädagogik braucht Verlässlichkeit, Teamabsprachen, Zeit für Reflexion und manchmal auch externe Fachberatung. Die OECD-Daten zeigen zudem, dass die Zusammenarbeit mit Fachleuten wie Sprachtherapeutinnen oder Psychologinnen längst nicht überall regelmäßig passiert. Dabei ist genau diese Zusammenarbeit oft entscheidend.

Die Wissenschaft sagt seit langem nicht, dass nur ein einzelner Faktor alles entscheidet. Aber sie sagt sehr klar, dass die Qualität der Interaktion wichtig ist. Interaktion heißt das echte Miteinander zwischen Kind und Fachkraft: sprechen, zuhören, trösten, erklären, gemeinsam denken. Dafür braucht man Zeit, Ruhe und Kompetenz. Der Bund selbst betont bei der Qualitätsentwicklung in der frühen Bildung, dass gute Personalschlüssel, Leitungszeit und verlässliche Rahmenbedingungen zentrale Merkmale von Qualität sind. Wenn wir also wissen, dass Qualität früh wirkt, dann ist es politisch unverantwortlich, Kitas dauerhaft wie eine Nebensache zu behandeln.

Besonders bitter ist, dass wir in Deutschland oft so handeln, als wäre der Rechtsanspruch schon die Lösung. Der Rechtsanspruch ist ein Recht auf Betreuung. Er ist wichtig. Er schützt Familien. In Hamburg hat jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr bis zur Einschulung einen Rechtsanspruch auf Betreuung, unabhängig von der Berufstätigkeit der Eltern. Das ist ein starkes und richtiges Versprechen. Aber ein Rechtsanspruch ohne ausreichende Finanzierung ist wie ein Versprechen ohne Werkzeug. Dann stehen Kitas und Träger zwischen Anspruch und Wirklichkeit und sollen das Loch mit Improvisation stopfen. Genau das macht Menschen im System kaputt.

In Hamburg sieht man diesen Widerspruch besonders scharf. Die Stadt betont zusätzliche Mittel und spricht von Investitionen in Qualität. 2025 wurden zusätzliche 64 Millionen Euro für Kita-Träger kommuniziert. Das ist nicht nichts. Aber gleichzeitig kommt aus der Praxis und von Beschäftigtenvertretungen weiter der Hinweis, dass vor allem im Personalbereich eine kostendeckende Finanzierung fehlt und Tarifbindung ohne echte Refinanzierung das System nicht trägt. Ich finde, diese Kritik ist ernst zu nehmen. Nicht, weil Politik gar nichts täte, sondern weil es für den Alltag vieler Teams offenbar noch nicht reicht. Wenn Träger rechnen müssen, ob sie Stellen halten können, wenn Teams ständig am Limit laufen, wenn gute Leute wegen Belastung oder schlechter Planbarkeit gehen, dann entsteht ein Fachkräfteverlust. Und der Fachkräfteverlust ist nicht nur ein Personalproblem. Er ist ein Qualitätsproblem. Er ist ein Beziehungsproblem. Er ist ein Inklusionsproblem.

Als HEP merke ich das besonders deutlich. Meine Arbeit braucht Kontinuität. Kontinuität heißt: Das Kind kennt mich, ich kenne das Kind, wir kennen die Trigger, die Stärken, die Kommunikationswege, die kleinen Fortschritte. Manche Kinder brauchen klare Abläufe. Manche brauchen zusätzliche Zeit für Übergänge. Manche brauchen unterstützte Kommunikation. Das heißt: Hilfen beim Sprechen oder Verstehen, zum Beispiel mit Bildern, Zeichen oder Geräten. All das funktioniert schlechter, wenn ständig jemand fehlt, wenn Vertretung improvisiert wird oder wenn Teams keine Zeit für gemeinsame Planung haben. Dann verbringt man mehr Energie mit Schadensbegrenzung als mit Förderung. Das tut weh, weil man weiß, dass mehr möglich wäre.

Dazu kommt ein Punkt, über den zu wenig ehrlich gesprochen wird: Der Fachkräftemangel ist nicht nur ein Problem der zu geringen Ausbildung. Es ist auch ein Problem des Haltens. Menschen verlassen ein Feld nicht nur wegen Geld. Sie gehen auch, weil sie das Gefühl verlieren, ihre Arbeit gut machen zu können. Die DKLK-Studie zeigt sehr deutlich, wie stark viele Leitungen Personalunterdeckung erleben, wie breit die Belastung gesehen wird und wie sehr hohe Arbeitsbelastung mit Fehlzeiten und Krankschreibungen zusammenhängt. Viele Leitungen berichten außerdem, dass Träger heute Personal einstellen, das früher wegen fehlender Qualifikation nicht eingestellt worden wäre. Das ist kein Angriff auf einzelne Menschen. Es ist ein Zeichen dafür, wie groß die Not geworden ist. Wenn Notlösungen zum Dauerzustand werden, sinkt am Ende das Vertrauen ins System.

Genau deshalb reicht es nicht, nur immer mehr Plätze zu versprechen. Wir müssen die Kita inhaltlich neu denken. Neu denken heißt nicht, das Rad neu zu erfinden. Es heißt, endlich das zu tun, was wir längst wissen. Erstens müssen wir Personalplanung realistisch machen. Realistisch heißt: Ausfälle, Fortbildung, Leitungsaufgaben und mittelbare pädagogische Arbeit von Anfang an mitdenken. Zweitens müssen wir dort mehr Ressourcen bereitstellen, wo die Anforderungen höher sind. Höhere Anforderungen sind nicht „schlechte Kinder“. Das wäre falsch und unfair. Höhere Anforderungen heißen: mehr Unterstützungsbedarf, mehr Armut, mehr Sprachmittlung, mehr familiäre Belastung, mehr Abstimmungsbedarf mit Hilfesystemen. Drittens müssen wir Fachkräfte schützen, damit sie bleiben. Schutz heißt gute Bezahlung, verlässliche Zeiten, echte Pausen, Fortbildung, Supervision und genug Kolleginnen und Kollegen. Supervision heißt professionelle Begleitung für Teams, damit Belastung verarbeitet und Arbeit reflektiert werden kann.

Und jetzt kommt ein Punkt, den viele Landesregierungen noch immer nicht ernst genug behandeln: der Zusammenhang zwischen Ganztagsausbau in der Grundschule und Fachkräften in der Kita. Ab dem 1. August 2026 startet der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder stufenweise. Das ist eine große Reform. Der Bund weist selbst darauf hin, dass die Frage zentral ist, ob Länder bis dahin ein qualitativ hochwertiges und bedarfsgerechtes Angebot schaffen können. Wenn Länder wie Bayern und NRW nicht rechtzeitig genug Ganztagsplätze und Strukturen schaffen, entsteht Druck auf das gesamte System. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat schon auf große Ausbaulücken hingewiesen und gerade für NRW und Bayern einen besonders hohen Bedarf benannt. Dieser Druck landet dann nicht nur in Schulen, sondern auch im Kita-System, weil dieselben Fachkräfte, ähnliche Berufsgruppen und dieselben regionalen Arbeitsmärkte betroffen sind. Wenn Politik dort zu spät handelt, konkurrieren Kita und Ganztag noch härter um Menschen. Das ist für Eltern schlecht, für Kinder schlecht und für Teams schlecht.

Eltern dürfen zu Recht erwarten, dass Politik nicht nur schöne Gesetze macht, sondern sie auch so finanziert, dass sie im Alltag funktionieren. Kinder dürfen zu Recht erwarten, dass ihr Start ins Leben nicht vom Wohnort oder vom Kontostand der Eltern abhängt. Fachkräfte dürfen zu Recht erwarten, dass man sie nicht ständig für politische Versäumnisse haftbar macht. Zu oft passiert aber genau das. Dann heißt es: „Die Kitas schaffen das schon.“ Nein. Kitas schaffen unglaublich viel. Aber sie können strukturelle Unterfinanzierung nicht wegpädagogisieren. Sie können fehlende Stellen nicht herbeizaubern. Sie können politische Planungsfehler nicht mit Herz allein ausgleichen.

Wenn wir wirklich neu denken wollen, dann müssen wir auch die Rolle der Kita klar benennen. Kita ist nicht nur Aufbewahrung. Das Wort Aufbewahrung ist abwertend. Es tut so, als ginge es nur darum, Kinder irgendwo unterzubringen. In Wahrheit ist Kita ein Bildungsort, ein Beziehungsort und oft auch ein Schutzort. Hier lernen Kinder Sprache, Selbstvertrauen, Regeln des Miteinanders, Konfliktlösung, Neugier, Selbstständigkeit und Teilhabe. Teilhabe heißt: mitmachen können. Für Kinder mit Inklusionsbedarf bedeutet eine gute Kita oft noch mehr. Sie bedeutet frühe Unterstützung, soziale Zugehörigkeit und weniger Barrieren, bevor sich Nachteile verfestigen. Wenn wir das ernst nehmen, dann ist jeder Euro für Qualität in der Kita keine Last, sondern eine Investition in Gerechtigkeit.

Ich wünsche mir deshalb eine Politik, die nicht nur neue Programme ankündigt, sondern den Mut hat, Prioritäten zu setzen. Nicht mehr Symbolpolitik. Symbolpolitik heißt Politik, die gut klingt, aber den Alltag kaum verbessert. Wir brauchen Entscheidungen, die man in der Gruppe spürt. Mehr verlässliches Personal. Bessere Finanzierung im Personalbereich. Ehrliche Qualitätssteuerung mit realen Daten. Starke Unterstützung für Kitas mit hohen Belastungen. Bessere Verzahnung von Jugendhilfe, Schule, Therapie und Gesundheitssystem. Und einen Ganztagsausbau in der Grundschule, der nicht auf Kosten der Kitas geht.

Aus meiner Sicht als HEP in einer Hamburger Kita ist die wichtigste Wahrheit sehr einfach: Kinder merken sofort, ob wir Zeit haben. Sie merken, ob wir sie sehen. Sie merken, ob wir nur funktionieren oder wirklich begleiten können. Wenn die Politik an Kitas spart oder zu spät handelt, spart sie nicht an Zahlen. Sie spart an der Zeit für Kinder. Und Zeit ist in der frühen Kindheit kein Luxus. Zeit ist Bildung. Zeit ist Schutz. Zeit ist Teilhabe. Zeit ist Inklusion. Genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Kita neu zu denken – aber nicht als Sparmodell, sondern als ernsthafte Neugründung von Qualität. Nur dann wird aus einem Rechtsanspruch auch ein gutes Leben im Alltag.