Barrierefreiheit im Internet heißt, dass alle Menschen Webseiten nutzen können. Wirklich alle. Das ist kein Wunsch. Das ist ein Recht. Trotzdem fehlt Barrierefreiheit an sehr vielen Stellen. Und sehr oft wird diese Abwesenheit aktiv verteidigt. Nicht offen. Sondern mit Tricks.
Einer dieser Tricks heißt Whataboutismus. Das Wort kommt aus dem Englischen. Es bedeutet sinngemäß „Ja, aber was ist mit …?“. Gemeint ist ein Verhalten, bei dem man auf Kritik nicht antwortet, sondern ausweicht. Man wechselt das Thema. Man lenkt ab. Man vermeidet die eigene Verantwortung oder die von Kollegen oder Freunden.
Der Begriff wurde bekannt durch politische Debatten im Kalten Krieg. Damals reagierte die Sowjetunion auf Kritik an Menschenrechtsverletzungen oft mit dem Satz: „What about racism in the USA?“ Also: „Was ist denn mit eurem Rassismus in den USA?“ Das eigene Problem wurde nicht gelöst. Es wurde verdeckt. Genau dieses Muster sehen wir heute bei der Barrierefreiheit im Internet.
Ein Beispiel. Jemand weist darauf hin, dass eine Webseite für blinde Menschen nicht nutzbar ist. Die Texte sind schlecht ausgezeichnet. Der Screenreader kann sie nicht sinnvoll vorlesen. Statt die Kritik anzunehmen, kommt die Antwort: „Aber wir denken doch auch an Menschen mit Lernschwierigkeiten.“ Oder: „Andere Projekte sind doch viel schlechter.“ Das eigentliche Problem bleibt. Es wird nicht behoben. Es wird relativiert. Relativieren heißt, etwas kleiner reden, als es ist.
Whataboutismus ist kein Argument. Er löst kein Problem. Er verhindert Lösungen. Er sorgt dafür, dass man endlos diskutiert, ohne etwas zu ändern. Für Menschen mit Behinderungen heißt das: Die Barriere bleibt.
Dazu kommt ein zweites Mittel. Der falsche Vorwurf von Ableismus. Ableismus bedeutet Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Das ist real. Das ist gefährlich. Und genau deshalb ist dieser Vorwurf so mächtig. Wer ihn benutzt, erzeugt Angst. Niemand will diskriminierend sein.
Aber genau das wird ausgenutzt. Wenn jemand sachlich auf fehlende Barrierefreiheit hinweist, wird die Kritik plötzlich als persönlicher Angriff dargestellt. Es heißt dann, der Ton sei hart. Oder verletzend. Oder respektlos. Die Technik rückt in den Hintergrund. Die Gefühle der kritisierten Person stehen im Mittelpunkt. Das Problem verschwindet.
Ein Beispiel. Eine Homepage hat einen sehr schlechten Kontrast und kann von sehbehinderten Menschen nicht gelesen werden. Der sehbehinderte Mensch erklärt, dass er beim Lesen der Homepage „Augenkrebs“ bekommt. Damit hat er ein sehr hartes Wort benutzt und eine Steilvorlage für die Menschen, die ihre Fehler jetzt verstecken möchten. Wird das kritisiert, heißt es plötzlich, diese Kritik sei „von oben herab“. Oder „nicht sensibel genug“. Der Fehler bleibt. Die Homepage bleibt unbenutzbar. Die Kritik wird moralisch abgewehrt.
Besonders wirksam ist die Kombination aus beidem. Erst Whataboutismus, zum Beispiel mit dem Verweis auf den Zeitdruck und die großartige und schnelle Arbeit. Dann der Ableismus-Vorwurf. Du hast mich persönlich schwer verletzt, weil du das Wort Augenkrebs verwendet hast. Du stellst dich gegen Menschen mit Augenkrebs. Erst wird abgelenkt. Dann wird angegriffen. Am Ende traut sich niemand und schon gar nicht mehr der Sehbehinderte, Probleme klar zu benennen. Genau das ist das Ziel. Nicht bewusst vielleicht. Aber faktisch.
So wird Barrierefreiheit zur Nebensache. Zur Meinungsfrage. Zur Gefühlssache. Dabei ist sie eine technische und rechtliche Aufgabe. Entweder eine Seite ist nutzbar. Oder sie ist es nicht. Dazwischen gibt es nichts.
Echte Barrierefreiheit braucht Kritik. Sie braucht Menschen, die sagen: Das funktioniert nicht. Wer diese Stimmen zum Schweigen bringt, schützt nicht Betroffene. Er schützt schlechte Arbeit. Und er hält Barrieren am Leben.
Das muss klar gesagt werden. Whataboutismus und missbrauchte Ableismus-Vorwürfe sind keine Solidarität. Sie sind eine Verteidigungsstrategie. Gegen Veränderung. Gegen Verantwortung. Gegen echte Teilhabe.
Wer Barrierefreiheit ernst meint, hört zu. Wer sie verhindert, redet drum herum.
