Bewusstes Missverstehen ist ein großes Problem in öffentlichen Debatten.
Es passiert ständig.
Besonders im Internet.
Bewusstes Missverstehen heißt, dass Menschen eine Aussage absichtlich falsch auslegen.
Auslegen bedeutet, einer Aussage eine Bedeutung geben.
Dabei geht es oft nicht darum, zu verstehen.
Es geht darum, anzugreifen.
Ein gutes Beispiel dafür ist eine kurze Antwort, die ich gegeben habe.
Die Frage lautete, ob es ein Schutzkonzept gibt, das auch vulnerable Gruppen einschließt.
Vulnerabel heißt besonders verletzlich.
Zum Beispiel Menschen mit einem sehr schwachen Immunsystem.
Meine Antwort lautete:
„Definitiv nichts, das einem Menschen ohne Immunsystem oder sehr schwachen gerecht wird. Davon sind auch Hypochonder betroffen.“
Was dann folgte, war ein sogenannter Shitstorm.
Ein Shitstorm ist eine Welle massiver Empörung und Angriffe im Internet.
Mir wurden schlimmste Dinge unterstellt.
Unterstellt heißt, mir wurden Absichten zugeschrieben, die ich nicht hatte.
Plötzlich hieß es, ich würde kranke Menschen beleidigen.
Ich würde Ängste lächerlich machen. Ich würde vulnerable Gruppen verhöhnen. Ich würde den Fragesteller als Hypochonder beleidigen.
Das ist ein klassischer Fall von bewusstem Missverstehen.
Um das zu verstehen, hilft ein bekanntes Kommunikationsmodell.
Es stammt von Friedemann Schulz von Thun.
Schulz von Thun ist ein Kommunikationswissenschaftler.
Ein Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich damit, wie Menschen miteinander sprechen und sich verstehen oder missverstehen.
Er hat das sogenannte Vier-Seiten-Modell entwickelt.
Dieses Modell erklärt, dass jede Aussage vier Ebenen hat.
Eine Ebene ist der Sachinhalt.
Sachinhalt bedeutet, worum es faktisch geht.
Eine zweite Ebene ist die Selbstoffenbarung.
Selbstoffenbarung heißt, was ich über mich selbst zeige.
Die dritte Ebene ist die Beziehung.
Beziehung meint, wie ich zum Gegenüber stehe.
Die vierte Ebene ist der Appell.
Ein Appell ist das, was ich beim Gegenüber auslösen will.
Das Entscheidende ist:
Sender und Empfänger hören oft auf unterschiedlichen Ebenen.
In meinem Beispiel war der Sachinhalt klar.
Es gibt kein Schutzkonzept, das Menschen ohne oder mit sehr schwachem Immunsystem wirklich gerecht wird.
Das ist keine Beleidigung.
Das ist eine nüchterne Feststellung.
Das Wort Hypochonder bezog sich auf eine weitere Gruppe.
Nicht auf Menschen mit realen Erkrankungen. Und ich habe es nicht gebraucht um den Fragesteller zu beschreiben oder ihm etwas zu Unterstellen.
Ein Hypochonder ist ein Mensch mit starker Krankheitsangst.
Krankheitsangst heißt, große Angst vor Krankheiten zu haben, auch ohne medizinischen Befund.
Diese Angst ist real.
Sie ist psychisch.
Psychisch heißt, sie betrifft die Seele.
Sie ist nicht eingebildet.
Aber sie ist etwas anderes als ein zerstörtes Immunsystem.
Genau diese Unterscheidung wurde ignoriert.
Absichtlich.
Viele Menschen hörten nicht auf der Sachebene.
Sie hörten auf der Beziehungsebene.
Sie hörten:
Du machst dich lustig.
Du nimmst Menschen nicht ernst.
Das stand dort nicht.
Aber es wurde hineingelesen.
Hineinlesen heißt, etwas ergänzen, das nicht gesagt wurde.
Das ist kein Zufall.
Das ist eine bewusste Entscheidung.
Bewusstes Missverstehen funktioniert so:
Man greift sich ein Wort heraus.
Man löst es aus dem Zusammenhang.
Und man ersetzt den Inhalt durch Unterstellungen.
Unterstellungen sind Behauptungen ohne Grundlage.
Das Wort Hypochonder wurde nicht als Beschreibung gelesen.
Es wurde als Angriff interpretiert.
Interpretieren heißt, etwas deuten.
Hier wurde bewusst sehr schlecht gedeutet.
Warum passiert das so oft.
Weil Empörung einfacher ist als Denken.
Weil moralische Überlegenheit bequem ist.
Moralische Überlegenheit heißt, sich selbst als besser darzustellen.
Wer empört ist, muss nicht zuhören.
Wer empört ist, muss nicht differenzieren.
Differenzieren heißt, Unterschiede erkennen.
Dabei wäre genau das nötig gewesen.
Niemandem wurde Angst abgesprochen.
Niemand wurde abgewertet. Und niemand wurde beleidigt in meiner Antwort.
Es wurde benannt, dass ein Schutzkonzept mehreren Gruppen nicht gerecht wird.
Das ist ein strukturelles Problem.
Strukturell heißt, das Problem liegt im System, nicht bei einzelnen Menschen.
Doch genau das wird im Shitstorm unsichtbar gemacht.
Statt über Lösungen zu sprechen, wird über Moral gestritten.
Statt über Konzepte zu reden, wird über Worte geurteilt.
Schulz von Thun beschreibt genau dieses Problem.
Kommunikation scheitert nicht nur an Worten.
Sie scheitert an Haltungen.
Eine Haltung ist die innere Einstellung.
Wer verstehen will, fragt nach.
Wer angreifen will, empört sich.
Bewusstes Missverstehen ist keine Schwäche.
Es ist eine Strategie, die wir zum Beispiel oft bei Anhängern der AfD finden.
Eine Strategie ist ein gezieltes Vorgehen.
Diese Strategie zerstört Debatten.
Sie verhindert Solidarität.
Sie verhindert Inklusion.
Denn Inklusion braucht Genauigkeit.
Sie braucht Sprache, die Dinge klar benennt.
Wenn jedes Wort sofort moralisch aufgeladen wird,
ist keine ehrliche Analyse mehr möglich.
Aufgeladen heißt, mit starken Gefühlen überfrachtet.
Dann gewinnt nicht das bessere Argument.
Dann gewinnt der lauteste Vorwurf.
Solidarität bedeutet auch, wohlwollend zu lesen.
Wohlwollend heißt, erst einmal vom Guten auszugehen.
Nicht alles ist ein Angriff.
Nicht jede Beschreibung ist eine Abwertung.
Wer bewusst missversteht,
schützt keine vulnerablen Gruppen.
Er instrumentalisiert sie.
Instrumentalisieren heißt, Menschen für eigene Zwecke benutzen.
Das ist gefährlich.
Denn es verschiebt den Fokus weg vom eigentlichen Problem.
Das eigentliche Problem bleibt bestehen.
Es gibt kein perfektes Schutzkonzept für alle.
Darüber müssen wir sprechen.
Sachlich.
Ehrlich.
Nicht über empörte Unterstellungen.
Sondern über reale Lösungen.
Bewusstes Missverstehen ist bequem.
Verstehen wollen ist Arbeit.
Aber nur diese Arbeit hält eine solidarische Gesellschaft zusammen.
