Die Forderung lautet nicht mehr: Einschränken.
Sie lautet: verbieten.
Social Media soll für alle Menschen unter 16 Jahren grundsätzlich nicht erlaubt sein.
Das klingt nach Schutz.
Nach Verantwortung.
Nach einem starken Staat, der endlich handelt.
Doch aus Sicht der Hackerethik ist genau das Gegenteil der Fall.
Diese Forderung löst kein einziges der Probleme, die Politiker benennen.
Sie verschiebt sie.
Und sie schafft neue, sehr gefährliche.
Zuerst müssen wir ehrlich sein.
Das Problem ist real.
Kinder und Jugendliche können unter Social Media leiden.
Unter Dauervergleichen.
Unter Mobbing.
Unter Gruppendruck.
Unter Inhalten, die sie überfordern.
Die medizinische Forschung ist hier eindeutig.
Mehr Bildschirmzeit verschlechtert Schlaf, Konzentration, Stimmung und Entwicklung.
Bei Social Media kommen zusätzliche Gefahren hinzu.
Cybermobbing bedeutet systematisches Fertigmachen im Netz.
Cybergrooming bedeutet gezielte sexuelle Ansprache von Kindern.
Beides ist Alltag.
Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt.
Diese Schäden entstehen nicht, weil Kinder zu jung sind.
Sie entstehen, weil die Plattformen so gebaut sind.
Die Politik tut so, als wäre das Alter das Problem.
Dabei ist das Design das Problem.
Design meint hier nicht Farben oder Schrift.
Design meint die bewusste technische Gestaltung, um Menschen möglichst lange zu binden.
Diese Plattformen sind nicht neutral.
Sie arbeiten mit Suchtmechanismen.
Suchtmechanismen sind Techniken, die das Gehirn an Belohnung gewöhnen.
Endlos-Scrollen.
Likes.
Push-Nachrichten.
Alles ist darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden.
Ein Zugang erst ab 16 ändert daran nichts.
Die Plattformen bleiben gleich.
Die Algorithmen bleiben gleich.
Algorithmen sind Programme, die entscheiden, was wir sehen.
Sie belohnen Wut, Angst und Extreme, weil das mehr Interaktion bringt.
Mehr Interaktion bringt mehr Geld für die Plattformen.
Was sich ändert, ist etwas anderes.
Der Staat muss plötzlich kontrollieren, wer rein darf und wer nicht.
Und hier beginnt der eigentliche Bruch mit der Hackerethik.
Ein „erst ab 16 erlaubt“ funktioniert nur, wenn das Alter geprüft wird.
Alter prüfen heißt: Nachweise verlangen.
Nachweise verlangen heißt: Identität oder zumindest Identitätsmerkmale erfassen.
Das wird oft verharmlost.
Man sagt dann: Es wird ja nur geprüft, ob jemand älter als 16 ist.
Nicht wer die Person ist.
Das ist technisch naiv.
Und politisch gefährlich.
Denn dafür braucht es Infrastruktur.
Infrastruktur ist Technik, die dauerhaft existiert.
Wenn sie einmal da ist, verschwindet sie nicht wieder.
Sie wird ausgeweitet.
Zweckentfremdet.
Normalisiert.
Heute Altersprüfung.
Morgen verpflichtend für Kommentare.
Übermorgen für politische Inhalte.
So entstehen digitale Ausweissysteme schleichend.
Die Hackerethik sagt dazu klar:
Private Daten schützen.
Und: Misstraue Autoritäten.
Autoritäten sind Staaten und Konzerne.
Beide haben ein starkes Interesse an Kontrolle.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Machtlogik.
Eine Pflicht, sein Alter nachzuweisen, zerstört Anonymität.
Anonymität heißt, sich äußern zu können, ohne identifizierbar zu sein.
Das ist kein Freifahrtschein.
Das ist ein Schutzraum.
Gerade für Jugendliche.
Queere Jugendliche auf dem Land.
Jugendliche in problematischen Familien.
Jugendliche, die sich politisch oder gesellschaftlich nicht sicher fühlen.
Für viele ist Social Media kein Zeitvertreib.
Es ist der einzige Ort, an dem sie andere finden wie sich selbst.
Ein Zugang erst ab 16 schließt sie aus.
Nicht von einem möglichen Schaden.
Sondern von Teilhabe.
Politiker vergleichen Social Media gern mit Alkohol oder Zigaretten.
Der Vergleich ist falsch.
Denn Social Media ist kein Produkt.
Es ist Infrastruktur.
Infrastruktur ist das, was gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
Straßen.
Schulen.
Medien.
Ein generelles Zugangsverbot zu Medien hat eine andere Qualität als ein Verkaufsverbot von Alkohol.
Es wäre vergleichbar mit einem Zeitungsverbot für Jugendliche.
Oder einem Fernsehverbot.
Das würden wir zu Recht absurd finden.
Hinzu kommt etwas, das selten offen gesagt wird.
Die Plattformen könnten Kinder heute schon besser schützen.
Sie tun es nicht.
Sie sind technisch in der Lage, Menschen extrem genau zu analysieren.
Für Werbung.
Für Microtargeting.
Microtargeting heißt, Botschaften werden exakt auf einzelne Gruppen zugeschnitten.
Aber ausgerechnet beim Jugendschutz sollen sie angeblich hilflos sein.
Das ist unglaubwürdig.
Und politisch bequem.
Statt die Konzerne zu zwingen, ihre Systeme zu ändern, will man den Zugang beschränken.
Das ist keine Regulierung.
Das ist Kapitulation.
Aus Sicht der Hackerethik ist das fatal.
Denn Hackerethik fordert genau das Gegenteil.
Sie fordert Transparenz.
Kontrolle von Macht.
Verantwortung dort, wo sie entsteht.
Ein „erst ab 16 erlaubt“ verschiebt die Verantwortung weg von den Plattformen.
Hin zu Familien.
Hin zu Kindern.
Hin zum Staat als Türsteher.
Gleichzeitig bleibt das System, das Schaden verursacht, unangetastet.
Und noch etwas ist wichtig.
Wenn wir akzeptieren, dass digitale Räume nur noch mit Nachweis betreten werden dürfen, verändern wir die Gesellschaft.
Leise.
Aber dauerhaft.
Freiheit stirbt selten durch ein großes Gesetz.
Sie stirbt durch viele kleine, gut gemeinte Schritte.
Meine persönliche Einordnung.
Ich sehe die Schäden.
Ich nehme sie ernst.
Ich will Kinder schützen.
Aber ich halte einen Social-Media-Zugang erst ab 16 für den falschen Weg.
Nicht, weil Regeln schlecht sind.
Sondern weil diese Regel an der falschen Stelle ansetzt.
Sie schützt nicht vor Sucht-Design.
Sie schützt nicht vor Hass-Algorithmen.
Sie schützt nicht vor Konzernmacht.
Sie baut stattdessen neue Kontrollstrukturen auf.
Und die treffen am Ende uns alle.
Wenn wir es ernst meinen mit Kinderschutz, müssen wir Plattformen verändern.
Nicht Menschen aussperren.
Medien müssen der Gesellschaft dienen.
Nicht Rendite und Macht.
Alles andere ist Beruhigungspolitik.
Und aus Sicht der Hackerethik ein gefährlicher Irrweg.
