Im Schleswig-Holsteinischen Landtag ging es in diesen Tagen um Kinder, die in der Schule oft nicht gut mitkommen, obwohl sie klug sind. Nicht, weil sie faul sind. Nicht, weil sie dumm sind. Sondern weil ihr Gehirn anders arbeitet als bei vielen anderen. Dafür wird immer öfter das Wort Neurodivergenz benutzt. Das heißt: Manche Kinder aber auch Erwachsene nehmen Reize anders wahr. Reize sind Eindrücke, zum Beispiel Geräusche, Licht, Gerüche, viele Stimmen, viele Bewegungen. Manche Kinder denken auch anders, lernen anders oder brauchen andere Wege, um ruhig zu bleiben. Dazu zählen zum Beispiel Autismus, ADHS, Lese-Rechtschreib-Schwäche und Rechenschwäche, aber auch Hochbegabung.
Die SPD im Landtag Schleswig-Holstein hat dazu einen Antrag gestellt. Der Antrag trägt den Titel „Besserer Umgang mit Neurodivergenzen an Schule“. Ein wichtiger Name dabei ist Martin Habersaat von der SPD. Er hat im Landtag gesagt, es gebe praktisch keine Klasse, in der das Thema nicht vorkommt. Er hat auch eine Zahl genannt, die zeigen soll, wie groß das Thema ist. Er sprach von ungefähr 10 bis 20 Prozent der Kinder, die betroffen sein könnten. Die SPD sagt im Antrag sinngemäß: Viele Kinder merken früh, dass sie „nicht passen“. Dann fangen sie an, sich zu verstellen, um nicht aufzufallen. Das klingt erstmal nach Anpassung, ist aber für viele ein täglicher Kampf. Dieser Kampf kann krank machen. Er kann zu Erschöpfung führen, zu Einsamkeit, zu seelischen Problemen. Seelisch heißt: es betrifft die Psyche, also das innere Erleben, Gefühle und Denken. Und wenn Kinder sich jahrelang verstellen und nur durchbeißen, kommt Hilfe oft viel zu spät.
Darum fordert die SPD, dass es schon in der ersten Klasse ein flächendeckendes Screening geben soll. Screening bedeutet hier: ein frühes, standardisiertes Hinsehen, ob ein Kind Hinweise auf bestimmte Lern- oder Wahrnehmungsbesonderheiten zeigt. Wichtig ist dabei: Das ist keine Strafe. Es ist auch kein Stempel, der ein Kind für immer festlegt. Es soll ein Werkzeug sein, um schneller zu erkennen, welche Unterstützung passt. Im Antrag steht als Beispiel, dass Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten dabei helfen könnten. Lerntherapie heißt: gezielte Hilfe bei Dingen wie Lesen, Schreiben oder Rechnen, oft sehr praktisch und Schritt für Schritt.
Die SPD will außerdem, dass Eltern klare und gut auffindbare Informationen bekommen. Das klingt banal, ist aber im Alltag entscheidend. Viele Eltern erleben, dass sie von Stelle zu Stelle geschickt werden. Sie hören Fachworte, verstehen aber nicht, was ihr Kind konkret braucht und welche Rechte es hat. Wenn Politik Inklusion ernst meint, dann muss sie Eltern nicht mit Formularen erschlagen, sondern mit verständlichen Infos stärken.
Ein weiterer Punkt ist Fortbildung für alle, die an Schulen arbeiten. Fortbildung heißt: extra Lernen neben dem normalen Job, damit man besser mit bestimmten Situationen umgehen kann. Im Antrag steht auch das Wort Reizmanagement. Das heißt: Wie gestalte ich Umgebung und Unterricht so, dass Kinder nicht dauernd überfordert werden, etwa durch Lärm, flackerndes Licht oder ständige Unruhe. Dazu gehört auch Krisenprävention. Das heißt: Krisen verhindern, bevor sie entstehen. Also nicht erst reagieren, wenn ein Kind „explodiert“, sondern vorher merken, wann es zu viel wird.
Dann geht es um Nachteilsausgleich und Notenschutz. Nachteilsausgleich heißt: Ein Kind bekommt faire Bedingungen, damit es zeigen kann, was es kann. Das kann zum Beispiel mehr Zeit bei Klassenarbeiten sein oder eine ruhigere Umgebung. Notenschutz heißt: Bestimmte Schwächen sollen die Note nicht kaputt machen, wenn sie nachweislich Teil der Beeinträchtigung sind. Das ist kein „Bonus“. Das ist Gerechtigkeit. Denn eine Note soll Wissen bewerten und nicht den Kampf gegen eine Barriere.
Die SPD fordert auch, dass Rechenschwäche ausdrücklich in Regeln aufgenommen wird, die bisher oft nur Lese-Rechtschreib-Schwäche klar behandeln. Das ist ein echter Punkt, weil Rechenschwäche viele Bildungswege zerstören kann, wenn Schulen so tun, als sei das nur „nicht genug geübt“.
Sehr konkret wird es beim Thema Ruheräume. Ein Ruheraum ist ein Ort, an dem ein Kind kurz raus kann, wenn alles zu viel wird. Nicht zum Schwänzen, sondern zum Runterkommen. Der Antrag erklärt das mit sensorischen Reizen. Sensorisch heißt: es betrifft die Sinne, also hören, sehen, riechen, fühlen. Für manche Kinder sind bestimmte Reize wie ein Dauer-Alarm. Ein Ruheraum kann dann helfen, wieder Kontrolle zu bekommen. Der Antrag fordert, dass solche Ruheräume in ein Musterraumprogramm aufgenommen werden. Das Musterraumprogramm ist vereinfacht gesagt eine Art Standard-Vorlage, wie Schulen Räume planen. Wenn etwas dort drin steht, wird es beim Bauen und Umbauen viel eher mitgedacht. Wenn es nicht drin steht, fällt es hinten runter.
Im Landtag gab es dafür eine wichtige gemeinsame Bewegung. Alle Fraktionen haben zugestimmt, den Antrag zur weiteren Beratung in den Bildungsausschuss zu schicken. Das klingt erstmal gut. Aber genau hier beginnt die politische Wahrheit. Denn zustimmen, „darüber zu reden“, ist billig. Entscheidend ist, ob am Ende Geld, Personal, klare Regeln und messbare Veränderungen kommen.
In der Debatte haben CDU und Grüne, also die Regierungsfraktionen in Schleswig-Holstein, auf bestehende Angebote verwiesen. Genannt wurden im Bericht zur Debatte zum Beispiel Martin Balasus von der CDU und Malte Krüger von den Grünen. Die Botschaft war: Es gibt doch schon Inklusion. Das ist ein Satz, der schnell beruhigt, aber für viele Familien wie Hohn klingt. Denn „es gibt Angebote“ heißt in der Praxis oft: Es gibt irgendwo irgendwas, aber nicht da, wo dein Kind sitzt. Oder es gibt es, aber ohne Plätze. Oder nur auf dem Papier. Oder nur, wenn Eltern kämpfen wie Löwen.
Die FDP hat sich besonders kritisch zum verpflichtenden Screening geäußert. Genannt wird Anne Riecke von der FDP. Sie betonte den Elternwillen. Elternwille heißt: Eltern sollen mitentscheiden. Das ist ein wichtiges Prinzip, weil Diagnosen auch Angst machen können und weil man Kinder nicht gegen Eltern „durchtesten“ sollte. Gleichzeitig darf „Elternwille“ nicht als Bremse missbraucht werden, um am Ende gar nichts zu tun. Denn auch heute werden Kinder ständig geprüft, bewertet und sortiert, nur eben auf eine brutale Art. Ohne Hilfe, ohne Erklärung, ohne Plan. Das Ergebnis ist dann nicht Freiheit, sondern Stillstand und Leid.
Bildungsministerin Dorit Stenke von der CDU hat im Landtag erklärt, dass Neurodivergenz ein neues wissenschaftliches Konzept sei, das an Bekanntes anknüpfe. Sie sagte auch, man müsse diskutieren, was Norm und Abweichung bedeuten. Norm heißt: das, was als „normal“ gilt. Abweichung heißt: das, was davon abweicht. Das klingt klug, kann aber auch ein typischer Politik-Satz sein, der Zeit kauft. Gleichzeitig hat sie gesagt, man müsse sich intensiv damit auseinandersetzen. Zum Thema Ruheräume sagte sie laut Berichten, die Konzepte sähen das bisher nicht vor. Sie wolle es aber in Gespräche mit den Schulträgern mitnehmen. Schulträger sind meist Städte und Kreise, also die, die Gebäude bezahlen und planen.
Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich richtig wütend werde. Im SPD-Antrag steht, dass die Landesregierung in einem Bericht sinngemäß zum Ergebnis gekommen sei, aktuell gebe es keinen Handlungsbedarf. Kein Handlungsbedarf heißt: Wir müssen nichts ändern. Wenn eine Regierung bei einem Thema, das so viele Kinder betrifft, so etwas schreibt, dann ist das kein neutraler Satz. Dann ist das eine politische Entscheidung. Es ist die Entscheidung, Belastung weiter bei Kindern, Eltern und einzelnen engagierten Lehrkräften abzuladen. Genau das kritisiert die SPD im Antrag sehr deutlich. Wer sagt „kein Handlungsbedarf“, sagt in Wirklichkeit: Macht mal alleine weiter. Kämpft euch durch. Seid leise, wenn ihr es nicht schafft.
Für mich ist das das Gegenteil von Inklusion. Inklusion heißt nicht, dass man nette Worte findet. Inklusion heißt, dass der Staat seine Pflicht erfüllt. Pflicht heißt: Er muss es tun, nicht irgendwann, sondern jetzt. Schule ist staatliche Aufgabe. Und wenn Schule Menschen kaputt macht, weil sie nicht ins Schema passen, dann ist das nicht das Problem der Kinder. Dann ist das ein Fehler im System.
Ich will, dass Kinder in Ruhe lernen können. Ich will, dass Lehrkräfte Unterstützung bekommen, statt noch mehr Aufgaben auf den Rücken. Ich will, dass Eltern nicht betteln müssen, um einen fairen Nachteilsausgleich zu bekommen. Und ich will, dass Politik ehrlich ist. Wenn CDU und Grüne sagen, es gebe schon Angebote, dann sollen sie nicht über „Angebote“ reden, sondern über Wirkung. Wie viele Kinder bekommen welche Hilfe, wie schnell, wie zuverlässig, in welcher Region, mit welchen Ergebnissen. Wenn sie das nicht liefern können, dann ist „es gibt Angebote“ nur ein Satz, der gut klingt und nichts schützt.
Meine Einordnung ist klar. Die SPD hat mit diesem Antrag einen wunden Punkt getroffen und ihn sichtbar gemacht. Das ist gut. CDU und Grüne reagieren mit dem typischen Reflex der Regierenden: erst mal sagen, dass schon viel passiert. Das ist menschlich, aber politisch gefährlich. Denn es beruhigt die eigenen Reihen und lässt Betroffene alleine. Die FDP setzt beim Screening auf den Elternwillen, was wichtig sein kann, aber es darf nicht zur Ausrede werden, um strukturelle Hilfe zu verhindern. Und am Ende zählt nur, ob im Bildungsausschuss mehr herauskommt als eine Anhörung und warme Worte.
In einer Zeit, in der unsere Demokratie von Feinden von rechts angegriffen wird, ist Inklusion auch Demokratie-Arbeit. Denn wenn Kinder früh lernen, dass sie weniger wert sind, weil sie „anders“ sind, dann zerstört das Vertrauen in den Staat. Wer demokratisch sein will, muss Menschen schützen, nicht nur die Lauten und die Angepassten. Inklusion ist kein Luxus. Inklusion ist ein Test, ob ein Land anständig ist.
Quellen:
Beratung und Debatte im Schleswig-Holsteinischen Landtag zum Thema „Neurodivergenz und Schule“, Plenarsitzung Ende November 2025.
Drucksache 20/3870 des Schleswig-Holsteinischen Landtags, Antrag der SPD-Fraktion mit dem Titel „Besserer Umgang mit Neurodivergenzen an Schule“, eingebracht durch Martin Habersaat (SPD).
Protokolle und Presseberichte zur Landtagsdebatte mit Wortmeldungen von Martin Habersaat (SPD), Martin Balasus (CDU), Malte Krüger (Bündnis 90/Die Grünen) und Anne Riecke (FDP).
Öffentliche Stellungnahmen und Presseinformationen des Ministeriums für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur Schleswig-Holstein, insbesondere Aussagen von Bildungsministerin Dorit Stenke (CDU) zu Inklusion, Früherkennung, Nachteilsausgleich und schulischen Rahmenbedingungen.
